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Summer clouds over Freiburg
Summer clouds over Freiburg

Das OpenStreetMap-Sommergewitter

| 7 Kommentare

Deutsche Version auf Grundlage einer Übersetzung mit deepl.

In diesen Tagen beginnt der Sommer auf der Nordhalbkugel – und damit kommt in vielen Teilen Europas und Nordamerikas die Zeit der häufigen Gewitter.

In OpenStreetMap braut sich derzeit eine andere Art von Sturm zusammen, der eher sozialer Natur ist und für viele Außenstehende wahrscheinlich nur schwer zu verstehen und zu interpretieren ist, und der auch ein paar Themen berührt, über die ich kürzlich geschrieben habe.

Der Streit/Konflikt, von dem ich spreche, dreht sich um das technische System hinter der OpenStreetMap-Hauptwebsite, aber er weitet sich auf die Frage der Verwaltung von Gemeinschaftsprojekten in OpenStreetMap im Allgemeinen und die Frage des Generationenwechsels aus, über die ich kürzlich ebenfalls geschrieben habe.

Teile dieser Diskussionen finden Sie auf:

Es gibt noch einen weiteren Kontext, der in diesem Zusammenhang sehr nützlich ist, nämlich dass die OpenStreetMap Foundation vor kurzem das wirtschaftlich größte extern finanzierte Projekt in ihrer Geschichte gestartet hat, welches in direktem Zusammenhang mit der OpenStreetMap-Website steht. Die OSMF war und ist ziemlich undurchsichtig, was die Details dieses Projekts angeht – wir kennen nur die sehr begrenzte öffentliche Kommunikation, die von der OSMF gemacht wurde. Es sind keine Einzelheiten zu den Vertragsbedingungen bekannt, unter denen das Geld an das OSMF fließt. Was wir wissen, ist, dass sich das finanzielle Gesamtvolumen dieses Projekts auf 384k beläuft.

Parallel dazu nimmt die EWG in diesen Tagen Einreichungen für ihr Microgrant-Programm entgegen, dessen maximales Volumen pro Projekt angekündigt bei 6k liegt. Einer der obigen Links führt zur Diskussion über eine der Einreichungen für dieses Programm.

Über die Details dieser beiden finanziellen Unterfangen – und die problematischen Auswirkungen dieser Art von Geldausgaben auf intrinsisch motivierte Freiwillige in der OSM-Gemeinschaft – könnte man viel diskutieren, aber das ist heute nicht mein Thema. Die erwähnten wirtschaftlichen Entwicklungen sind der Hauptgrund, warum sich diese Diskussionen gerade jetzt entwickeln und warum sie sich um die OpenStreetMap-Website drehen. Und da sind natürlich auch die unterschiedlichen Interessen, die verschiedene Teile der OSMF in diesem Zusammenhang verfolgen. Worauf ich mich hier jedoch konzentrieren möchte, sind eher die zugrundeliegenden Probleme hinter den genannten Diskussionen.

Der Punkt, den ich hier hauptsächlich ansprechen möchte, ist, dass dies genau die Art von Generationswechselproblemen veranschaulicht, die ich kürzlich diskutiert habe. Wie jede andere Gemeinschaft muss auch die OSM-Gemeinschaft einen Generationswechsel bewältigen, um langfristig zu funktionieren. Und dazu muss sie ein Gleichgewicht finden zwischen dem Raum und den Ressourcen für neue Generationen von Gemeinschaftsmitgliedern, damit diese sich über den Horizont der vorherigen Generationen hinaus entwickeln können, und – gleichzeitig – der Erhaltung und Wertschätzung der Weisheit und Erfahrung der älteren und erfahreneren Gemeinschaftsmitglieder.

Normalerweise würde dieser Prozess in der größeren, intrinsisch motivierten OSM-Gemeinschaft vor allem dadurch ermöglicht, dass verschiedene Projekte parallel existieren (man denke an verschiedene Editoren für die Bearbeitung von OSM-Daten, verschiedene QS-Tools, verschiedene Kartenstile), die von verschiedenen Generationen von Gemeinschaftsmitgliedern kontrolliert werden, die sich gegenseitig respektieren und unterstützen und auf diese Weise einen reibungslosen Wissenstransfer und eine faire Verteilung der Ressourcen zwischen den verschiedenen Generationen gewährleisten.

Dieser Vorgang wird bereits empfindlich gestört, wenn man eine beträchtliche Menge an extrinsischer Motivation (d. h. Geld oder sogar das vage Versprechen auf Geld) hinzufügt. Darüber hinaus sprechen wir hier über die Teile des OSM-Ökosystems, in denen – entweder von Natur aus oder durch entsprechende Entscheidungen – nicht mehrere unabhängige Projekte parallel existieren, sondern in denen ein Monopol besteht – oder zumindest eine massive Marktkonzentration und ein sehr kleines Oligopol.

Und die meisten dieser Fälle stehen irgendwie unter der Schirmherrschaft der OSMF. Auch wenn die Projekte formal unabhängig sind, ist es die OSMF, die de facto genau ein Projekt unterstützt und für ihre Zwecke auswählt. Ob das eine bewusste Entscheidung war oder ob sich die Dinge einfach so ergeben haben, spielt keine Rolle.

Es wäre also die Aufgabe des OSMF, den Generationswechsel in diesen Fällen zu erleichtern. Aber das ist natürlich nicht wirklich realistisch, da die OSMF bereits massiv mit dem Generationswechsel in ihrer eigenen Organisationsstruktur kämpft.

Was kann die OSM-Gemeinschaft hier tun? Versuchen, aus eigener Initiative eine Vielfalt an Methoden und Werkzeugen zu schaffen. Und das geschieht natürlich bis zu einem gewissen Grad mit der Website (siehe auch hier). Aber ein echter Generationswechsel wird trotzdem schwierig sein, weil die erwähnte Balance schwer zu erreichen ist, wenn die OSMF fest am bestehenden Monopol festhält, ohne dass eine strategische Vision kommuniziert wird, wie sich das langfristig entwickeln soll. Und auch, weil diese alternativen Projekte eher das primäre Ziel haben könnten, das bestehende Website-Projekt zu verdrängen, anstatt als Instrument zur Erleichterung des Generationswechsels zu dienen.

Da die OSMF ihrer Verantwortung hier nicht gerecht wird, liegt es in erster Linie an den alten Hasen in den verschiedenen Projekten, die das Privileg und die Last haben, Schlüsselrollen im OSMF-Portfolio zu spielen, die Bedingungen zu schaffen, unter denen ein echter Generationswechsel stattfinden kann. Versucht, diejenigen zu unterstützen, die von Euch lernen wollen und müssen, vor allem, wenn sie dies mit anderen Ansätzen tun wollen als Ihr selbst. Versucht, eine Vielfalt der Methoden und Instrumente zu begrüßen, und seht Neuankömmlinge nicht in erster Linie als Konkurrenz. Ihr sollten die jüngere Generation als Partner in den Bemühungen sehen, OpenStreetMap langfristig voranzubringen. Erwartet nicht, dass die jüngeren Leute für Euch arbeiten oder Euren Vorstellungen entsprechen, wie die Dinge zu tun sind. Und denkt daran, dass es bei der Bildung jüngerer Menschen nicht nur darum geht, Euer Wissen und Eure Erfahrung weiterzugeben und sie in der praktischen Arbeit zu befähigen, sondern auch darum, Ideen von Qualität und Exzellenz zu teilen.

Aber die Initiative muss letztlich von der aufstrebenden jungen Generation ausgehen, um auf die alten Hasen zuzugehen, die die etablierten Projekte leiten. Ihr solltet sie als Träger von Wissen und Erfahrung sehen, von denen Ihr viel lernen könnt, und nicht als Hindernisse auf dem Weg zu Euren individuellen Zielen. Ihr seid auf sie angewiesen, um die Zukunft von OpenStreetMap erfolgreich zu gestalten, genauso wie sie auf Euch angewiesen sind. Erwartet nicht, dass Euch die Dinge auf dem Silbertablett serviert werden. Wenn Ihr neue Wege gehen und neue Ideen verfolgen wollt, müsst Ihr bereit sein, die notwendige Vorarbeit zu leisten. Ihr könnt von der älteren Generation erwarten, dass sie ihre Weisheit und Erfahrung mit Euch teilt, aber nicht, dass sie Euch die Arbeit abnimmt.

Und schließlich an beide Seiten: Achtet auf den wirtschaftlichen Kontext. Wenn Ihr im Rahmen Eurer OSM-bezogenen Arbeit in irgendeiner Weise bezahlt werdet oder wenn Ihr eine berufliche Karriere im Zusammenhang mit OpenStreetMap anstrebt, muss Eure Interaktion mit einem intrinsisch motivierten Freiwilligen diesen Unterschied berücksichtigen. Die OSMF behandelt dies als Nullsummenspiel und verteilt Geld nach dem Matthäus-Prinzip in der Hoffnung, einen einzigen klaren Marktführer zu haben, der durch wirtschaftliche Abhängigkeiten und persönliche Beziehungen an sie gebunden ist. Macht nicht den Fehler, euch auf dieses System einzulassen, selbst wenn Ihr für den Moment davon zu profitieren scheint.

Und das Wichtigste: Ich habe hier zwar einige Analysen darüber angestellt, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und welche Ansätze praktikabel sein könnten, um die Notwendigkeit eines Generationswechsels unter diesen etwas ungünstigen Bedingungen zu bewältigen, aber ich habe natürlich nicht alle Antworten parat. Entwickelt Eure eigenen Gedanken zur Erleichterung des Generationswechsels und präsentieren und diskutiert diese Gedanken offen.

Ich möchte auch anerkennen, dass das OpenStreetMap-Website-Projekt darüber hinaus große Anstrengungen unternimmt, um einen Generationswechsel innerhalb des Projekts zu erleichtern. Das ist lobenswert. Aber es ist kein Ersatz dafür, neuen Generationen den Raum zu geben, völlig neue Ansätze innerhalb der gesamten Gemeinschaft selbständig zu erforschen und zu entwickeln.

Die andere Sache, die die OSM-Gemeinschaft tun kann und sollte, ist, ernsthaften Druck auf die OSMF auszuüben, damit sie – sozusagen – den Kopf aus dem Sand zieht und damit sie aufhört, das Problem zu ignorieren und anfängt, Verantwortung zu übernehmen. Und das bedeutet nicht, dass die OSMF anfängt, die Leute herumzukommandieren oder die unabhängigen Projekte einfach loszuwerden (was die Richtung zu sein scheint, in die sich die Dinge derzeit bewegen – entweder indem bestehende Projekte abhängiger werden oder indem sie durch Projekte ersetzt werden, die von Natur aus enger mit der OSMF verbunden sind). Es bedeutet, dass die OSMF anfangen sollte, strategisch zu denken, und dass sie anfangen sollte, Kompetenz und Erfahrung in der größeren Gemeinschaft zu schätzen und zu fördern, und nicht nur people whose work we know and enjoy. Niemand erwartet von der OSMF, dass sie hier tatsächlich Lösungen anbietet (das wäre auch ziemlich unrealistisch, siehe oben). Aber die Anerkennung der Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen wäre ein wichtiger erster Schritt.

Und da sich einige das wahrscheinlich fragen werden: Ja, ich habe hier auch OSM-Carto im Sinn – obwohl das weder Software noch „core“ ist. Wie regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, habe ich in den letzten Jahren viel Zeit investiert, um proaktiv einen erheblichen Teil meiner Erfahrung im Kartendesign weiterzugeben. Und ich habe seit vielen Jahren immer wieder dazu aufgerufen, echte Alternativen zu OSM-Carto zu entwickeln mit vergleichbaren Zielen und Ambitionen, und Menschen ermutigt, solche Projekte zu starten. Aber, wie ich auch in der Vergangenheit diskutiert habe, sind Talent und Erfahrung nur ein Faktor, der darüber entscheidet, ob ein echter Generationswechsel im Bereich des Kartendesigns möglich ist – der andere ist die Verfügbarkeit von geeigneten Werkzeugen und ein unterstützendes soziales Umfeld für die Designarbeit.

7 Kommentare

  1. Um bei Ihrem Bild zu bleiben: Wir hatten kein Sommergewitter, sondern nur ein laues Lüftchen. Die Overton-Sonne brennt wie zuvor brutal auf die OSM-Welt und sorgt für ausgedorrte Diskussions-Äcker, auf denen Ideenpflänzchen absterben. Um Ihr Bild zu übertreiben: Glücklich, wer im wilden und unregulierten Ideen-Urwald bunt leuchtende Ideenfrüchte sammeln und daraus einen fruchtigen Projekt-Punsch bereiten kann.

    • Danke für den Kommentar. Wenn man rein in Bildern und Metaphern bleibt, können alle natürlich das herauslesen, was sie möchten.

      Das Bild des Sommer-Gewitters soll hier ein aus den Umständen erwartbares, aber dennoch für sich signifikantes und potentiell wirkmächtiges Ereignis illustrieren, welches sowohl zerstörerisches wie auch reinigendes und klärendes Potential hat.

      • Dann mal „Butter bei die Fische“.

        Es ist unfassbar, welcher Hass den Erstellern dieser Fäden entgegenschlägt:

        https://community.openstreetmap.org/t/why-are-we-creating-a-design-system-for-osm/131530
        https://community.openstreetmap.org/t/the-next-generation-of-openstreetmap-in-python/105621/112

        Die OSM-Nomenklatura hat sich eingefunden, die Projekte verächtlich zu machen, zu verhöhnen, niederzumachen und zu zerstören. Dabei geht es mir nicht um den Inhalt der Projekte – ich bin nicht in einer Position, diese zu beurteilen –, sondern um die Form des Umgangs mit Menschen, die mit frischen Ideen kommen.

        Was dabei offensichtlich wird: Es werden keine frischen Projekte (mit neuen Häuptlingen) gesucht – oder auch nur akzeptiert –, sondern es werden Indianer gesucht, die bestehenden Projekten zuarbeiten und sich dabei den bestehenden Strukturen (und Häuptlingen) unterordnen. Besonders Herr Ramm ist da überaus deutlich:

        „efforts have been made to get them to actually contribute their time and brilliant coding to the existing OpenStreetMap website – they have submitted to the not-invented-here syndrome because they can’t be bothered to be a team player“

        Merke: Wer in einem *eigenen* Team arbeitet, ist kein Teamplayer.

        Den bisherigen Tiefpunkt hat das OSM-Projekt dann mit diesem Posting erreicht:

        https://community.openstreetmap.org/t/use-of-openstreetmap-ng-domain/132716
        „Mir ist zu Ohren gekommen, dass jemand ohne Genehmigung das Wort ‚OpenStreetMap‘ benutzt“
        .oO(Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was!)

        Ich hätte – wenn überhaupt – allenfalls eine E-Mail an das OSMF oder das LWG geschrieben, aber ins Forum? Was ist da los? Ich mag ein Schwester-Projekt nicht, also versuche ich es über die juristische Schiene zu zerstören? Ein Schwester-Projekt?? Und die Dauer-Besucher des Forums sekundieren das.🙄

        Ich halte die „ausgedorrten Diskussions-Äcker, auf denen Ideenpflänzchen absterben“, für zutreffend. Und verstehe nicht, wo Sie einen frischen Wind wittern.

        • Um das ganz klar zu sagen: Ich äußere mich oft kritisch zu Handlungen und Ideen von Akteuren und Interessenträgern in der OSM-Community. Aber ich lege dabei großen Wert darauf, meine Kritik mit Argumenten zu belegen und die Handlungen und Ideen zu kritisieren, anstatt die Menschen anzugreifen, die hinter diesen Ideen stehen. Für mich ist die derartige kritische Auseinandersetzung mit einem Thema eine wichtige, oft sogar essentielle Komponente eines jeden Diskurses.

          Das was in diesem Kommentar zu lesen ist, ist jedoch keine Kritik auf Grundlage von Argumenten, sondern eine kollektive, undifferenzierte Abwertung einer ganzen Gruppe von Personen (welche nicht klar spezifiziert wird, welche sich aber ganz klar auf einen großen Teil der an der Diskussion Beteiligten erstreckt). Diese Diskussionsteilnehmer haben zu einem erheblichen Teil durchaus differenzierte Meinungen artikuliert, welche man natürlich nicht teilen muss, welche sich aber – weit mehr als die in dem Kommentar hier geäußerten Wertungen und Herabsetzungen – als legitime und oft auch argumentativ untermauerte Sichtweisen in einem Diskurs qualifizieren.

          Und, was am wichtigsten ist, den an den in den verlinkten Projekten beteiligten Personen wird durch solch polemische Äußerungen in keiner Form geholfen.

          Meine Blog-Beiträge sind ein Beitrag zum Diskurs in der weiteren OSM-Gemeinschaft, insbesondere auch für die Teile der Diskussion, welche sich außerhab des Einflussbereiches der OSMF abspielen. Die Kommentare bieten die Möglichkeit, an diesen Diskurs anzuknüpfen und ihn in begrenztem Maße weiter zu führen. Sie sind keine Plattform für nicht diskursive Kommunikation, selbst wenn diese thematisch an den Blogbeitrag anknüpft.

          • Ich sehe nicht, was an diesem Beitrag abwertend sein soll. Provokant durchaus, aber das finde ich in diesem Rahmen angebracht. Der Vorposter nimmt nämlich humoristisch Bezug auf eine Diskussion, die selbst nicht immer den guten Ton trifft und unangemessen wirkt. Von OSMF Vertretern und langjährigen Mitarbeitern (die entsprechend der informellen Strukturen in der OSM-Welt umso höheres Ansehen genießen) erwarte ich mir einen sachlicheren Umgangston ohne persönliche Angriffe.

            Bezugnehmend auf den ursprünglichen Blogeintrag, liegt es meiner Meinung vor allem an den eingesessenen Akteuren, ob OSM überlebt. Eine Wagenburgmentalität und ausgeprägte Beharrungskräfte sind erkennbar. Bei den Jungen stelle ich hingegen ein erfreulich kreatives Engagement dar, die Frage ist ob sie genügend Durchhaltevermögen in den verkrusteten Strukturen aufweisen können? Ob sie, wie du es schreibst, ein sozial unterstützendes Umfeld vorfinden? Ob die OSMF “Kompetenz und Erfahrung in der größeren Gemeinschaft” tatsächlich zu schätzen beginnt? Leider bleibe ich sehr pessimistisch.

            Nach außen hin wirkt OSM ja freundlich und offen, aber sobald man die Praxis (die Mappingebene) verlässt und es um strategische Entscheidungen und Mitbestimmung geht, ändert sich der persönliche Umgang schlagartig. An den Schalthebeln, wo Entscheidungen getroffen werden (OSMF, Diskussionsforen) bemerke ich mittlerweile nämlich einen abweisenden und rohen Tonfall. Deshalb habe ich mich persönlich aus diesem Bereich auch zurückgezogen, weil ich meine Nerven in einer ehrenamtlichen Tätigkeit nicht derart beanspruchen will. 13 Jahre Erfahrung unterstützen diese Beobachtung.

  2. Mir wurde schon mehrfach vorgeworfen, ich würde OSM nicht mögen („hat einen Brass auf OSM“). Doch nichts könnte falscher sein. Mein Gefühl für OSM chargiert zwischen Wehmut und Verzweiflung, die Verzweiflung oft an der Grenze zur Wut. (Oder darüber.) Das hat natürlich Einfluss auf die Art, wie ich schreibe.

    Kurz ausgeholt: Unser Gastgeber schrieb irgendwo (ich finde leider die Seite nicht mehr), dass er klare Regeln für seine Kommunikation aufgestellt hat. Und ganz offensichtlich lebt er die auch. (Anders als z.B. das Diversity-Gefordere bei OSM, welches in der Realität mit Füßen getreten wird.) Deshalb tun die Beiträge, Posts wie Kommentare, niemandem weh. Das führt aber auch dazu, dass die Beiträge, so interessant und nachdenkenswert im Inhalt auch immer, in der Form seltsam blass und farblos wirken. Jedenfalls bei mir. Möglicherweise ist das auch ein Grund für die geringe Resonanz.

    Im Gegensatz zu dieser – ich nenne es einmal – Vorzensur betreibe ich Nachzensur. Ich schreibe, „wie mir der Schnabel gewachsen ist“, lasse aber bei allem, was ich auf fremden Seiten poste und was nicht rein technisch oder völlig harmlos ist, vor dem Posten einen Freund darüberschauen. Damit können meine Postings schon mal weh tun, sollten aber niemals ätzend werden oder gar justiziabel. Bei meinem vorausgehenden Kommentar z. B. hab ich einen Satz zusammengestrichen und einen Absatz weggelassen, weil der zu persönlich war. Das „Erfassung von Rettungssektoren“-Pamphlet hat, weil ich darin Personen direkt anspreche, eine Woche Überarbeitungen bis zur „Freigabe“ gebraucht. Ich hab auch schon einen Artikel gelöscht, weil mein Lektor „ätzend, irreparabel“ bewertet hatte.

    (Das mag alles etwas off-topic klingen, ich halte aber für ein Grundproblem der Kommunikation bei OSM die on-topic-Regeln. Manchmal muss man ausholen, damit das Gegenüber verstehen kann, wie ich zu meinem Ergebnis gekommen bin, und ich verstehen kann, wie das Gegenüber zu seinem Ergebnis gekommen ist. Oft findet man so heraus, dass die unterschiedlichen Ergebnisse trotz gleicher Fakten ganz banal auf einer unterschiedlichen Bewertung eines Fakts beruhen, man versteht die andere Seite (und könnte deren Position in einer Diskussion vertreten). Und man kann sich auf „Let’s agree to not agree“ verständigen. Was so viel besser ist als ein end- und ergebnisloses „Ich hab recht! Nein, ich hab recht!“.)

    Zurück zur Diskussion.

    Anders als mein Vorposter halte ich nicht die „alteingesessenen Akteure“ (in Wolf-Lingo: „Großkopferte“ / „Nomenklatura“) für den Kern des Problems. Für viel schlimmer halte ich, zumindest in der deutschen Community, die große Zahl der gedankenlosen Mitläufer, die den alteingesessenen Akteuren erst ihre Macht verleihen. Wenn z.B. einer der „alteingesessenen Akteure“ regelmäßig gegen Tagging-Standards ätzt, gleichzeitig aber OSM-Daten mit standardisiertem Tagging verkauft, kann ich den leicht auf der Fakten-Ebene angreifen. Genauer: könnte. Denn das funktioniert nicht, wenn eine Horde von Mitläufern den Faden kapert und derailt. Da verzettele ich mich mit irrelevanten Detail-Streitereien, und am Ende bleibt außer Spesen nichts gewesen. Wenn die „alteingesessenen Akteure“ neue Ideen ablehnen, sobald diese ihren Geschäftsinteressen zuwiderlaufen, so ist für jeden nachvollziehbar. Deshalb kann ich auch das angreifen. Das Problem ist halt, dass die Meute jedem in den Rücken fällt, der etwas zu ändern versucht. Das alles erinnert an das Experiment mit den fünf Affen.

    Beim Thema Nachwuchs stimme ich meinem Vorposter zu: Ja, da ist ganz eindeutig ein „erfreulich kreatives Engagement“. Das aber abgewürgt wird: Weiterentwicklung findet im Privaten statt und wird allenfalls noch der Community vorgestellt.

    Das war nicht immer so. Er erinnere mich zum Beispiel an den Start der OpeningHours. Da hatte ich eine rudimentäre Implementierung vorgestellt (einer muss immer den ersten Schritt tun), und die Weiterentwicklung fand im Forum statt. Jede Idee mit hinreichendem Konsens eingetippert und ab in die nächste Runde. Entwicklung entlang der Wünsche der Nutzer. Schneller und mit besserem Ergebnis, als man das im stillen Kämmerlein je könnte. Oder nehmen wir das Flächenrouting von Maxbe: einer tippert, und die Gemeinschaft steuert konstruktiv Ideen bei. Heute in dieser Form nicht mehr möglich.

    Dass Neue gleich wieder verschwinden, ist kein Wunder, wenn man sieht, wie mit denen umgegangen wird.

    Nehmen wir den mit der Klage, dass seine Stadt auf OsmCarto mit Symbolen überflutet wird. Nicht ein einziger hilfreicher Beitrag. Kritik nicht erwünscht. Gar die Aufforderung, er möge sich selber eine Karte generieren? Was für ein Unsinn und wie abstoßend! Seine Kritik war völlig berechtigt. Und der Grund für das Problem ist für jeden ohne Scheuklappen offensichtlich: auch nach 20 Jahren hat die OSM-Community es nicht geschafft, eine zumindest rudimentäre Generalisierung zu bauen. Nicht Auswahl und Priorisierung der Objekte ausschließlich abhängig von der Zoom-Stufe, sondern auch Berücksichtigung der Objekte in der Umgebung oder zumindest der Objektdichte. Einen ähnlichen Wunsch, eine Ruine auf der Alm auch in größeren Maßstäben zu zeichnen, weil die als Orientierung dient (aus meiner Sicht: weil es weit und breit nichts anderes gibt), wurde genauso destruktiv behandelt.

    Ich hab ein paar der abgewürgten Leute per DM angeschrieben, um zu retten, was zu retten ist. Das Problem mit der fehlenden Generalisierung erklärt. Dem mit der Frage nach japanischen Postleitzahlen ein CSV mit den (wenigen) in der OSM-DB enthaltenen japanischen Postleitzahlen geschickt, für eine informierte Entscheidung. Oder nur ein: „Nehmen Sie das nicht persönlich, Sie sind nicht erste, dem das passiert.“ Mit der Antwort: „Ich bin überrascht, dass mehrere mich per DM angeschrieben haben.“ Die OSMF-verantwortete Foren-Moderation hat es geschafft, konstruktive Kommunikation in den Untergrund zu treiben.

    > Nach außen hin wirkt OSM ja freundlich und offen, aber sobald man die Praxis (die Mappingebene) verlässt und es um strategische Entscheidungen und Mitbestimmung geht, ändert sich der persönliche Umgang schlagartig.

    Ich versuche seit Jahren, Leute mit technischem Verstand für das OSM-Projekt zu gewinnen. Vor schon längerer Zeit hatte ich einen Datenbank-Menschen an der Hand. Betreut und entwickelt erschreckend große hochverfügbare Datenbanken mit Echtzeit-Zugriff im Finanzbereich. Wäre sicher ein Gewinn für die OWG geworden. Aber, ach. Ich hatte den auf eine Diskussion zum OSM-Datenmodell im Forum gestupst, und leider ist genau die völlig entgleist. Verbrannt. Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck.

    Oder gucken wir drei Wochen zurück. Da beklagte sich jemand darüber, dass die Nominatim-Suche in Japan nicht gut funktioniere. Grund dafür war, wie im Forum erklärt wurde, dass eine benötigte Mappingtabelle fast keine Einträge habe. Ich bin also hingegangen, hab die Tabellen für Deutsch und die für Englisch zusammengeworfen und daraus einen Rohling für Japanisch als OOCalc gebaut und einem Japaner gegeben, den ich gerne für OSM werben möchte. Der hat die Tabelle ausgefüllt und dabei eine weitere Spalte eingefügt, mit der man die Tabelle alphabetisch (genauer: aiueokakikukeko-isch) sortieren kann. Zusammen 100 kB. Und was passierte? Wurde gelöscht. Begründung: Nominatim ist picky, man könne das Zeug ja wieder entlöschen. Statt das Import-Skript um eine Zeile zu ergänzen, die überflüssige Spalten verwirft, werden die Daten gelöscht. Gleichzeitig liest man „Sadly this is unlikely to change unless Nominatim gets a regular contributor that is familiar with Japanese.“ Ja, woher soll der kommen? Der ist verbrannt. Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck.

    Zurzeit habe ich Kontakt zu einem begnadeten Grafiker. Der früher im Landesvermessungsamt in der Kartografie gearbeitet hat. Wäre ein Hauptgewinn für OSM. Was soll ich jetzt machen? Den auch verbrennen? Oder lieber ein privates Projekt mit dem starten und das an unsere Konkurrenz verkaufen?

    > An den Schalthebeln, wo Entscheidungen getroffen werden (OSMF, Diskussionsforen) bemerke ich mittlerweile nämlich einen abweisenden und rohen Tonfall. Deshalb habe ich mich persönlich aus diesem Bereich auch zurückgezogen, weil ich meine Nerven in einer ehrenamtlichen Tätigkeit nicht derart beanspruchen will. 13 Jahre Erfahrung unterstützen diese Beobachtung.

    Willkommen im Club.

    Damit es zum Abschluss zumindest noch ein bisschen on-topic wird: Es gibt bei OSM keinen Sommersturm. Kann es nicht geben. Denn Sommerstürme sind generell unzulässig. Sommerstürme werden in einen neuen Faden verschoben, und dann nach Meldungen aus der Community versteckt.

    Gruß Wolf

    • Ich lass den Kommentar jetzt mal so in ganzer Länge stehen, aber um das noch mal ganz deutlich zu sagen: Das ist hier kein Diskussionsforum und keine Plattform, wo man seine Meinungen, Gefühle oder eigene Arbeiten zu OpenStreetMap umfänglich darlegen kann. Die Kommentare dienen zur konkreten Diskussion des Blogbeitrags und man sollte sich dabei kurz fassen. Weiterreichende Überlegungen, die daran anknüpfen, können gerne verlinkt werden, aber bitte nicht als inline-Kommentar.

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