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Individualismus vs. Kollektivismus und Anarchie vs. Autorität in OpenStreetMap

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Deutsche Version auf Grundlage einer automatischen Übersetzung mit deepl.

Ein interessanter Kommentar wurde kürzlich von dreamy, einem koreanischen OpenStreetMapper, zu kulturellen Unterschieden in OpenStreetMap veröffentlicht. Das Thema, wie verschiedene Kulturen in OSM zusammenarbeiten und welche Herausforderungen dies mit sich bringt, interessiert mich schon seit langem, so dass ich meine Leser auf diesen Kommentar hinweisen und einige meiner eigenen Gedanken dazu beitragen wollte.

Wir im kulturellen „Westen“ haben oft nur einen sehr begrenzten Einblick in „östliche“ (und auch „südliche“) Ansichten über OpenStreetMap, und wenn wir einen Einblick in diese Kulturen in OSM bekommen, dann oft durch Menschen, die weitgehend in eine westliche Kultur assimiliert sind – weil sie diejenigen sind, die oft am besten in westlichen Sprachen kommunizieren können.

Nebenbemerkung (und Empfehlung) für deutschsprachige Leser: Für mehr Hintergrundinformationen über das politische/kulturelle Konzept des „Westens“ kann ich einen aktuellen Podcast von Mick Klöcker empfehlen.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass „westliche“ Kulturen sich selbst als eher individualistisch betrachten, während „östliche“ Kulturen sich als eher kollektivistisch sehen. Der verlinkte Kommentar scheint dies im OSM-Kontext etwas anders zu formulieren, nämlich als „Anarchie“ vs. „Autorität“ (wobei Autorität nicht in erster Linie die Autorität einzelner Menschen, sondern von Werten und Ordnungsprinzipien ist) – wobei der de-facto-Zustand im Moment der von „Anarchie“ ist.

Ich sehe wesentliche Elemente der Anarchie in der Art und Weise, wie OSM heutzutage funktioniert, aber ich möchte behaupten, dass dies weniger etwas ist, das der Art und Weise, wie OSM im Kontext des kulturellen „Westens“ funktioniert, inhärent ist. Ein paar Beispiele:

  • Die grundlegenden Werte von OSM bilden einen ziemlich klaren Rahmen, der als Leitprinzip und Wertesystem dienen könnte, auch wenn sie heutzutage nicht mehr von großer praktischer Bedeutung sind. Die Frage ist eher, wie es dazu kam, dass diese Werte heute so wenig praktische Bedeutung haben (eine Diskussion findet sich hier).
  • Der Ursprung der konsensbasierten Entscheidungsfindung in westlichen Kulturen ist keineswegs mit Anarchie verbunden, sondern stammt aus stark kollektivistischen Gemeinschaften (wie der Quäkerbewegung und anderen religiösen Gemeinschaften).

Könnte es sein, dass die Anarchie, die man heutzutage in OSM weithin beobachten kann, eher mit den Schwierigkeiten der mehr individualistischen Teile der westlichen Kultur mit den inhärent kollektivistischen Aspekten von OSM zusammenhängt?

Was mich sehr interessieren würde, sind Ideen aus dem kulturellen „Osten“, wie man der Anarchie in OSM praktisch begegnen kann, ohne dass es zu einer Dominanz von Partikularinteressen statt zu Harmonie, einer allgemein nützlichen Ordnung, Mäßigung und kollektiver Verantwortung kommt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein großer Prozentsatz der OSM-Gemeinschaftsmitglieder im Westen aufgewachsen ist, in Gesellschaften, in denen das individuelle Vorankommen weitgehend über das Gemeinwohl gestellt wird.

4 Kommentare

  1. Ich möchte einen Teilaspekt aufgreifen und dabei auch auf die oben verlinkte Diskussion Bezug nehmen, nämlich die Frage, in welcher Sprache in OSM kommuniziert werden soll.

    Zweifellos ist dies eine wichtige Frage, die ich jedoch nicht primär im OSM-Kontext verorten würde. Eine globalisierte Welt – und damit mittlerweile ein Großteil unserer Lebensbereiche – steht grundsätzlich vor der Frage, wie sie kommunizieren will. Der Rückgriff auf eine Lingua franca für den grenzüberschreitenden Informationsaustausch ist ja kein modernes Phänomen, wohl aber das Ausmaß des Informationsaustauschs. Natürlich ist unsere gegenwärtige Lingua franca keineswegs neutral, sondern deren Nutzung übermittelt und verfestigt implizit auch kulturelle Werte und Normen. Auch ich finde das sehr problematisch, vor allem auch weil dessen Dominanz irreversibel zu sein scheint. Philippe Van Parijs hat für dieses Problem eine Sprachsteuer als Lösung vorgeschlagen. Ein schöner Gedanke, dessen Umsetzung jedoch noch in weiter Ferne liegt.

    In der Zwischenzeit stellt sich die Frage, wie man diesen globalen Informationsaustausch möglichst diskriminierungsfrei und gleichzeitig effizient bewerkstelligt. Damit kommen wir wieder zu OSM. Mir fällt auch auf, dass alle der OSMF nahestehenden Entitäten sehr anglizistisch geprägt sind (schon alleine die OSMF-Website wird nur auf Englisch zur Verfügung gestellt). Gleichzeitig erkenne ich aber auch an, dass eine multilinguale Kommunikation praktisch schwierig ist.
    Vielleicht könnte man sich hier ein Beispiel an den verschiedensprachigen Wikipedias nehmen? Also eine größere Autonomie und Selbstorganisation innerhalb der lokalen Chapters, wobei diese wiederum aber die globale Organisation (also die OSMF) verantworten? Sicherlich sind die lokalen Chapters noch relativ klein, dennoch wäre eine derartige Dezentralisierung und Föderalisierung ein vielversprechender Ansatz. Eine Föderalisierung hätte mM durchaus den Effekt, mehr Sprachgerechtigkeit zu gewährleisten, aber auch andere Perspektiven wie eben aus dem „Osten” und „Süden” sichtbarer zu machen.

    • Danke für den Kommentar.

      Dieser schneidet zwei Themen an:

      • Die Idee, dass die Verwendung einer einheitlichen hegemonialen Sprache alternativlos ist, und dass es deshalb nicht um die Vermeidung einer sprachlichen (und kulturellen) Hegemonie geht, sondern ausschließlich um ein Management selbiger.

        Ich würde diese Vorstellung kritisch hinterfragen. Weltgeschichtlich gibt es dafür wenig Anhaltspunkte. Das Konzept einer einheitlichen lingua franca hat kulturhistorisch so weit ich das überblicke fast ausschließlich in kolonialen/imperialen Gesellschaften Verbreitung erlangt.

      • Die Idee von Wikipedia als sozialem Vorbild für OpenStreetMap.

        Unabhängig davon, ob die soziale Struktur von Wikipedia überhaupt erstrebenswert ist, eignet sich Wikipedia allein deshalb nicht als Vorbild, weil Wikipedia grundsätzlich kein globales Projekt ist. In OpenStreetMap arbeiten Menschen von Überall auf der Welt, die keine gemeinsame Sprache sprechen, gemeinsam an einem Datensatz. Dies ist bei Wikipedia nicht der Fall. Als Vergleichs-Beispiel geeignet wäre bestenfalls Wikidata – hier scheint mir die Anglo-Amerikanische kulturelle Hegemonie jedoch noch deutlich stärker ausgeprägt als in OpenStreetMap.

      Föderale und dezentrale Strukturen klingen als Idee erst einmal gut. Sie setzen aber eine gemeinsame Wertebasis voraus, die sie selbst nicht erzeugen können. Und das ist ja genau das Kern-Thema des Blog-Beitrags.

      • Nein, Konzepte einer Lingua franca (im Sinne einer Verkehrssprache), gibt es schon seit der Antike. In Europa war das vorwiegend Latein. Man könnte einwenden, dass nur ein Bruchteil der Menschen in der Lage war, sie zu benutzen. Ausschlaggebend ist jedoch, dass mit deren Hilfe Informationen grenz- und kulturüberschreitend übermittelt wurden, denn dieses Bedürfnis bestand schon früh. Die Ausprägung ist gegenwärtig mit dem Englischen sicherlich von höherer Hegemonialität geprägt. Konkrete Lösungen dafür habe ich nicht parat, vielleicht ließe sich der hegemoniale Charakter des Englischen abschwächen, indem die Sprache von unterschiedlichen Kulturen bewusst angeeignet wird und mit Konzepten und Perspektiven aus anderen Kulturen angereichert wird. Je diverser die kulturellen Kontexte sind, in denen Englisch genutzt wird, desto mehr löst sich die Fixierung auf anglo-amerikanische Wertvorstellungen.

        Ich gebe zu, eine präzisere Formulierung meinerseits wäre hilfreicher gewesen, der Grundgedanke wurde aber trotzdem transportiert. Anders formuliert: Die verschiedensprachigen Wikipedias bilden zwar eigenständige Einheiten, agieren aber in einem losen globalen Verbund. Der Informationsaustausch untereinander findet durch Konferenzen, Übersetzungen und Projekte statt. Es gibt einen gemeinsamen Werterahmen und das Auftreten nach außen hin ist in der Form gleich. Dies wäre die größtmögliche Dezentralisierung, die für OSM sicherlich nicht vollständig, aber zumindest in Teilen umsetzbar wäre.

        In der Praxis würde dies beispielsweise bedeuten, den lokalen Chapters mehr Entscheidungsgewalt gegenüber dem Vorstandsgremium zu gewähren. Eine Idee wäre, ein weiteres Board in der OSMF zu gründen, das paritätisch durch die lokalen Entitäten besetzt ist, nach dem Vorbild eines Zweikammersystems.

        • Dass die Verwendung von Latein in Europa nicht mit kultureller Hegemonie verbunden war, halte ich nicht für eine besonders tragfähige These. Dass die antike europäische Geschichte von imperialistischen Gesellschaften geprägt ist, bedarf wohl keiner weiteren Belege.

          Ich kann die Idee, dass eine einheitliche Sprache in der Kommunikation für kooperative Projekte alternativlos ist durchaus nachvollziehen. Dass OpenStreetMap das (zumindest in er urprünglichen Vision) ohne eine solche versucht ist tatsächlich etwas kulturhistorisch Neues.

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