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Warum es für die OpenStreetMap-Community essentiell ist, aktiv und innovativ Kartengestaltung zu betreiben

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Dies ist ein bisschen eine Vorbemerkung zum allgemeinem Thema der Kartengestaltung für OpenStreetMap-basierte Karten vor dem Hintergrund einer weiteren Diskussion konkreterer Kartengestaltungs-Themen, welche im folgenden Beitrag geplant ist. Wie in verschiedenen früheren Beiträgen werde ich dort etwas zu neuen Ideen und kartographischen Techniken schreiben zur Darstellung der Informationen, welche Mapper in OpenStreetMap erfassen, in einer reichhaltigen – jedoch hoffentlich auch intuitiv lesbaren – Karte, geeignet für eine große Bandbreite von geographischen Umgebungen. Leider bin ich jedoch recht allein darin, öffentlich über diese Thema im Zusammenhang mit automatisch regelbasiert berechneten interaktiven Karten auf OpenStreetMap-Basis für die globale Anwendung zu schreiben. Selbst außerhalb der OpenStreetMap-Welt ist eine vertiefende Diskussion über regelbasierte Kartographie selten und das meiste, was zu dem weiteren Themengebiet geschrieben wird, konzentriert sich auf rein technische Aspekte wie die Verbesserung der Berechnungs-Effizienz.

Man erhält ein bisschen einen Eindruck davon, wie schädlich der Mangel an Innovation im Bereich Kartengestaltung in der OpenStreetMap-Community für das Projekt und sein Bild in der Öffentlichkeit ist, wenn man sich einen kürzlich in Cartographic Perspectives veröffentlichten Artikel anschaut. Kurz zusammengefasst scheitert der Artikel daran, dass er OpenStreetMap mit den mittelmäßigen Versuchen eines kommerziellen Kartendienst-Betreibers, OpenStreetMap-basierte Karten ohne jegliche Ambition hinsichtlich Qualität und Informations-Gehalt mit maximaler Kosten-Effizienz anzubieten, gleichsetzt. Das dies zunächst erst einmal ein Versagen des Peer Reviews bei dem Artikel ist, ist offensichtlich. Das ist jedoch nicht mein Thema hier. Was dies jedoch auch illustriert ist, dass der weit überwiegende Anteil OSM-basierter Karten weder Ambition noch Fähigkeiten zeigt, ein Ergebnis anzustreben, welches qualitativ besser ist als die Produkte von Google, Bing usw. hinsichtlich Innovation und Qualität der Darstellung. Grob geschätzt 80 Prozent der Karten auf OSM-Basis sind einfache, durchschnittliche Stile, welche die grundlegende Darstellung von Straßen, Gebäuden, statischen Punktsymbolen und Beschriftungen kombinieren, gelegentlich ergänzt durch eine rein dekorative Landbedeckungs-Darstellung. Die übrigen 20 Prozent sind Spezialkarten mit sehr engen Anwendungsfeldern – gelegentlich mit durchaus innovativen Gestaltungs-Ansetzen, jedoch jeweils auf einem sehr engem thematischen Feld. Mit diesem Hintergrund ist es durchaus verständlich wenn konservative Kartographen, welche mit OpenStreetMap wenig vertraut sind, davon ausgehen, dass OpenStreetMap von den Daten her im Wesentlichen genau dem entspricht, was die schlechten Google-Maps-Imitationen kommerzieller Kartenanbieter auf Grundlage von OSM-Daten anbieten.

Wenn die OpenStreetMap-Community was die Produktion einer kartographischen Datensammlung angeht Avantgarde bleiben möchte und die Zukunft in diesem Bereich aktiv mitgestalten möchte, anstatt einfach mit dem Strom zu schwimmen und ein reiner Auftrags-Datenproduzent für die Bedürfnisse von Daten-Nutzern mit tiefen Taschen zu werden, dann muss sie auch in der Lage sein, die Kartengestaltung zur Darstellung und Präsentation der Daten, die die Community erfasst, aktiv zu formen. Die wenigen Versuche, die es in der OSM-Community in diese Richtung noch gibt, sind zusätzlich durch die verfügbaren Werkzeuge zur Gestaltung und zum Rendering von automatisch-regelbasierter Kartographie eingeschränkt – Werkzeuge, welche jetzt seit vielen Jahren fast ausschließlich auf die Anforderungen und Bedürfnisse der zuvor erwähnten kommerzieller Kartendienst-Anbieter ausgerichtet werden. Die Herausforderung für die OSM-Community ist also zweiseitig – zum einen besteht die Notwendigkeit, innovative Kartengestaltung aus der Community heraus und inspiriert von den Werten des Projektes anstatt von kurzfristigen externen wirtschaftlichen Interessen zu fördern und wertzuschätzen, zum anderen besteht ein dringender Bedarf an der Entwicklung und der Unterstützung der für diese Arbeit benötigten Software.

Wenn ich mir Kommentare und Beiträge auf dem OSM-Carto Issue-Tracker und Diskussionen zum Thema Karten-Darstellung anderswo in der OSM-Community anschaue, bin ich vielfach ziemlich entsetzt darüber, wie wenig Ambition und wie wenig tieferes Interesse an dem Thema dort kommuniziert wird. Um es etwas überspitzt auszudrücken – die Einstellung der meisten Mitglieder der OSM-Community lässt sich auf zwei Arten zusammenfassen: (a) Die Ansicht, dass Karten auf Grundlage von OSM-Daten einfach irgendwo entstehen und sich quasi selbst entwickeln auf Grundlage von Bedarf und Gelegenheiten, ohne dass dafür spezielle Talente, Erfahrungen oder Bildung erforderlich wären oder (b) dass Kartenstil-Entwicklung im Grunde nichts anderes ist als gelegentlich Unterstützung für ein neues Tag hinzuzufügen, mit einer Linien-Signatur oder Flächenfüllung in einer zufällig ausgewählten neuen Farbe oder mit noch einem weiteren neuen statischen Punktsymbol-Typ unter Verwendung eines Symbols, welches mehr oder weniger im Zusammenhang mit dem jeweiligen Tag steht.

Dies muss sich ändern – in erheblichem Umfang und ziemlich dringend, Ich hab darauf in verschiedener Form schon seit langem immer mal wieder hingewiesen und ich tue dies hier erneut und mit Nachdruck. Was ich hier verschiedentlich in meinen Blog-Einträgen zur OSM-Karten-Gestaltung diskutiere, ist nur einer von vielen möglichen Ansätzen zur Innovation in der Gestaltung von Karten auf OSM-Basis. Alle diese Ansätze und Versuche verdienen mehr und mehr ambitioniertes Interesse und mehr Unterstützung aus der OSM-Community.

Und auch wenn dieser Beitrag vielleicht in einigen Teilen einen anderen Eindruck erweckt – es geht mir hier nicht um Schuldzuweisungen oder darum, wer für die Entwicklungen in der Vergangenheit verantwortlich ist. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es hier Handlungsbedarf gibt und dass eigene innovative Kartenentwicklung in der OSM-Community, die sich nicht einfach nur an Arbeiten Dritter außerhalb des Projektes anhängt, sondern in der Lage und willens ist, eigene gestalterische Schwerpunkte zu setzen, für den langfristigen Erfolg von OpenStreetMap essentiell ist. Und dass die technischen Grundlagen hierfür in Form von Software, welche derartige innovative Kartengestaltung ermöglicht und flexibel unterstützt, gleichermaßen aus dem Projekt heraus entwickelt und gestaltet werden müssen und ebenso wenig einfach an externe Projekte angehängt werden können, welche völlig andere wirtschaftliche Ziele verfolgen.

Falls dies nicht geschieht, würde OpenStreetMap recht schnell in Schwierigkeiten geraten und an Bedeutung verlieren. Die Idee, dass OpenStreetMap in Bezug auf Metriken, wie sie der verlinkte Artikel in Cartographic Perspectives verwendet, mit proprietären kartographischen Datenquellen konkurrieren könnte, ist unrealistisch. Diese werden nämlich auf Grundlage von Maschinen-generierten Daten für eine Maschinen-generierte Darstellung massiv expandieren und OpenStreetMap wird in diesem Bereich niemals mithalten können. Worin OpenStreetMap gut ist und wo die proprietäre Konkurrenz keine Chance hat das ist die Produktion von Karten auf Grundlage von lokalem Wissen, durch Menschen und für Menschen – und zwar sowohl bei der Daten-Erfassung als auch bei der eigentlichen Karten-Gestaltung und Produktion.

3 Kommentare

  1. Sie sprechen mir aus dem Herzen, Herr Hormann, so viel wunderbarer Inhalt, so viele hochgenaue Daten und so wenig Gedanken über die Form.

  2. Erst mal herzlichen Dank für diese Problembeschreibung.

    Ich möchte ein paar Anmerkungen machen:

    „Was dies jedoch auch illustriert ist, dass der weit überwiegende Anteil OSM-basierter Karten weder Ambition noch Fähigkeiten zeigt, ein Ergebnis anzustreben, welches qualitativ besser ist als die Produkte von Google, Bing usw. hinsichtlich Innovation und Qualität der Darstellung.”

    Welchen Sinn soll es haben, sich Gedanke über ein bessere Karte machen, wenn diese doch nicht realisiert wird und nichts als Frustration bleibt?

    „zum einen besteht die Notwendigkeit, innovative Kartengestaltung aus der Community heraus und inspiriert von den Werten des Projektes anstatt von kurzfristigen externen wirtschaftlichen Interessen zu fördern und wertzuschätzen”

    Ja, die Notwendigkeit besteht. Doch wer sollte sich darum kümmern? Wir haben hier Neuland, und wer sich damit auskennt, wird sich eher von einem der Geodaten-Unternehmen fürstlich bezahlen lassen.

    ”zum anderen besteht ein dringender Bedarf an der Entwicklung und der Unterstützung der für diese Arbeit benötigten Software. […] Die Ansicht, dass Karten auf Grundlage von OSM-Daten einfach irgendwo entstehen und sich quasi selbst entwickeln auf Grundlage von Bedarf und Gelegenheiten, ohne dass dafür spezielle Talente, Erfahrungen oder Bildung erforderlich wären.”

    Es findet sich zur Zeit nicht einmal ein *Betreuer* für den Wmftools-Shading-Server. Für die Technik der historic.place haben wir drei Jahre nach einem Programmierer gesucht – vergebens. Die Software läuft seitdem ohne Betreuung.

    Woher sollen die Programmierer kommen? Jemand, der wirklich firm in seinem Gebiet ist, jemand mit „speziellen Talenten, Erfahrungen oder Bildung” wäre doch blöd, monatelang für lau zu arbeiten, wenn die großen Unternehmen mit sechstelligen Gehältern winken.

    „Dies muss sich ändern – in erheblichem Umfang und ziemlich dringend, Ich hab darauf in verschiedener Form schon seit langem immer mal wieder hingewiesen und ich tue dies hier erneut und mit Nachdruck. […] Alle diese Ansätze und Versuche verdienen mehr und mehr ambitioniertes Interesse und mehr Unterstützung aus der OSM-Community.”

    Die “Community” ist nicht einmal in der Lage, ihre Server zu finanzieren. Wie soll die Unterstützung für Ansätze und Versuche aussehen? „Hast Du fein gemacht” nach zwei Monaten Vollzeit-Arbeit an einer Software? Gewinner und Entscheider bei OSM sind die, die von einem Unternehmen bezahlt ihr Leben im Forum (und auf anderen Plattformen) verbringen und da „die Lufthoheit haben”. Und nicht die Reinklotzer.

    „Und dass die technischen Grundlagen hierfür in Form von Software, welche derartige innovative Kartengestaltung ermöglicht und flexibel unterstützt, gleichermaßen aus dem Projekt heraus entwickelt und gestaltet werden müssen und ebenso wenig einfach an externe Projekte angehängt werden können, welche völlig andere wirtschaftliche Ziele verfolgen.”

    Aktiv formuliert und ein Subjekt eingeführt: „dass *jemand* die Software aus dem Projekt heraus entwickelt und gestaltet.” Wer soll dieser Jemand sein? Und was heißt „aus dem Projekt heraus”? Die Crowd entscheidet und der Jemand arbeitet?

    „Worin OpenStreetMap gut ist und wo die proprietäre Konkurrenz keine Chance hat das ist die Produktion von Karten auf Grundlage von lokalem Wissen, durch Menschen und für Menschen – und zwar sowohl bei der Daten-Erfassung als auch bei der eigentlichen Karten-Gestaltung und Produktion.”

    Worin OSM schlecht ist: fähige Leute zu rekrutieren, die aber nicht zu bezahlen (können), was für die kommerzielle Konkurrenz eo ipso überhaupt kein Problem darstellt.

    Ich habe ein ziemlich schlechtes Gefühl, was die Zukunft von OSM angeht, wenn fähige Leute gehen und keine fähigen Leute nachkommen.

    Und wenn sich offensichtlich praktisch niemand für Ihre Texte interessiert. 🙁

    Gruß Wolf

    (Sorry für den Tonfall, aber ich schreibe immer so.)

    • Danke für den Kommentar.

      Da sind ein paar wichtige Überlegungen drin, aber auch eine Reihe von Missverständnissen.

      Der Kern des Problems der Motivation von kompetenten Freiwilligen ist nicht, dass diese nicht existieren oder ihre Zeit lieber mit bezahlter Arbeit verbringen. Ganz im Gegenteil, ich beobachte über die Jahre, dass erheblich mehr Leute ganz bewusst Zeit außerhalb der Domäne bezahlter und wirtschaftlich motivierter Arbeit verbringen wollen. Das Problem ist viel mehr, dass im OpenStreetMap-Umfeld dies mittlerweile praktisch immer mit wirtschaftlich motivierter Tätigkeit vermischt ist (man hat im Grunde keine Chance, sich in OSM freiwillig zu engagieren, ohne praktisch sofort auf Leute zu treffen, die wirtschaftlich motiviert Arbeiten, was zwangsläufig zu Spannungen und sozialen Konflikten führt).

      Und das Problem ist auch nicht, dass Geld fehlt. Die Wikimedia Foundation und die OSMF schwimmen praktisch im Geld. Aber das Geld wird falsch eingesetzt und wirkt damit fast immer kontraproduktiv für das freiwillige Engagement. Ich hab dazu auch schon kommentiert.

      Konkret geht es mir hier aber gar nicht um die Lösung der großen sozialen Probleme der OSM-Community, sondern ganz konkret um die Notwendigkeit der Innovation im Bereich Kartengestaltung. Und hier ließe sich sowohl nicht-monetär als auch durch den geeigneten Einsatz von Geld eine Menge ausrichten. Ich hab dazu vor kurzem auf Anfrage einige konkrete Vorschläge gemacht. Essentiell ist hier aber, von der überproportionalen Wertschätzung rein technischer Arbeit hin zu einer stärkeren Priorisierung intellektueller Arbeit zu kommen. Gelingt dies, sehe ich gute Chancen, dass sich kompetente Freiwillige motivieren lassen. Insbesondere da im OSM-Umfeld das wirtschaftliche Potential besteht, diesen die notwendige technische Unterstützung zukommen zu lassen. Wichtig ist dabei aber, dass es sich hierbei auch tatsächlich um eine Unterstützungsleistung handelt. Sprich: Dass die technischen Dienstleistungen und Software-Entwicklung dem Bedarf und den Anforderungen der Freiwilligen untergeordnet sind. Hier sehe ich aufgrund der bestehenden Machtverhältnisse in Organisationen wie der OSMF, der WMF oder auch dem FOSSGIS wie auch aufgrund der wirtschaftlichen Macht technisch orientierter Akteure das größere Problem. Und hier spielt dann auch das von Dir skizzierte wirtschaftliche Konkurrenz-Problem mit rein: Weshalb sollten kompetente Programmierer für die OSMF arbeiten und sich den Wünschen irgendwelcher unbezahlter freiwilliger Kartenstil-Entwickler aus der OSM-Community unterordnen? Das werden sie nur, wenn für sie klar zu erkennen ist, dass hier tatsächlich für die strategische Zukunft der digitalen Kartengestaltung gearbeitet wird und dies innovativer ist, als für irgendein amerikanisches Tech-Unternehmen an Werkzeugen der kartographischen Mittelmäßigkeit zu arbeiten, die in ein paar Jahren wieder obsolet sind.

      Kurz: Das eigentliche Problem besteht darin, tatsächlich wieder an den Punkt zu kommen, wo die OSM-Community glaubhaft und ernsthaft innovative Kartengestaltung betreibt.

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